Zweiter Essay
Andreas Rechberger
Essay zum Tutorium der Vorlesung „Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“(Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien):
Strukturalismus
Erläutere die zentralen Interessen des Strukturalismus Lévi-Strauss’scher Prägung. Wie ist die Bedeutung des strukturalistischen Ansatzes aus heutiger Sicht zu bewerten, auf welche Forschungsbereiche konzentrierten sich nachfolgende AnthropologInnen und warum?
Claude Lévi-Strauss
Das erste große Theoriengebäude, welches nach dem 2. Weltkrieg die Denkweise in der Anthropologie beeinflusste, war zweifellos der Strukturalismus. Und kaum eine andere Person prägte den Werdegang der v.a. französischsprachigen Geisteswissenschaften dieser Zeit stärker als Claude Lévi-Strauss.
Der 1908 in Brüssel geborene Lévi-Strauss studierte an der Pariser Sorbonne Recht und Philosophie, wovon er letzteres 1931 abschloss. Nach einigen Unterrichtsjahren in einem Lycèe folgte er einem Angebot der Universität von Sao Paulo, Brasilien, als Gastprofessor für Soziologie. In diese Zeit (1934-1939) fallen auch seine ersten Feldforschungen im Bundesstaat Mato Grosso und im Amazonasgebiet, wo er in einem Streifzug mehrere Indianische Gemeinschaften erforschte. 1939 kehrte er zur Ableistung des Militärdienstes nach Frankreich zurück, er floh aber bald nach der französischen Kapitulation aufgrund seiner jüdischen Abstammung über Martinique und Puerto Rico nach New York. Die weiteren fünf Kriegsjahre, d.h. die Zeit im New Yorker Exil sollte sich als prägend für seinen weiteren intellektuellen Werdegang herausstellen. In den Jahren 1940-1945 stand er in enger Verbindung mit den Mitgliedern der Prager Schule rund um Roman Jakobson (1896-1982) und deren Konzept der Strukturalen Linguistik. [1]
Strukturale Linguistik und Anthropologie
Ausgehend von einer Grundüberlegung des Genfer Linguisten Ferdinand de Saussure (1857-1913) fand der Strukturalismus Eingang in die Geistes- und Kulturwissenschaften, v.a. Literaturwissenschaft, Psychologie, Soziologie und Anthropologie. Als wichtigstes Beispiel zum Verständnis des Strukturalismus sei hier de Saussures Unterscheidung zwischen „parole“ und „langue“ angeführt. Während „parole“ sich auf den konkreten Sprechakt eines beliebigen Sprechers bezieht, beschreibt „langue“ die dem Sprechakt zugrunde liegende, generelle Struktur und Grammatik, die unabhängig vom Sprecher selbst – zwar nicht real aber doch – existiert. Analog dazu postulierte Lévi-Strauss (im Artikel „L’Analyse Structurale en lingustique et en anthropologie“ in der Zeitschrift „Word“, dem „Journal of the linguistic circle of New York“) die Analyse von kulturellen Manifestationen als Produkt der tieferen und unbewussten Strukturen des Denkens von Menschen als Teil einer Kultur sowie als Teil der gesamten Menschheit. Oder mit den Worten von Thomas Hylland Eriksen: “…the ultimate aim of his studies has been to reveal the principles fort he functioning of the mind. He would therefore regard, say kinship terminology not as a result of social organisation but in the last instance as the product of the universal structures of the mind.” [2]
Werk
Da selbst eine Aufzählung der Werke von Lévi-Strauss den Rahmen dieses Essays sprengen würde – Edmund Leach beziffert den Umfang mit elf Büchern und weit über hundert Aufsätzen [3] – möchte ich mich vorerst auf Lévi-Strauss’ Beitrag zur Verwandtschaftstheorie und zur Erforschung der kognitiven Strukturen konzentrieren.
„Les structures élémentaires de la parenté“ (1949)
Als Ausgangspunkt und konstitutiv für Verwandtschaft sieht Lévi-Strauss nicht die gemeinsame Abstammung sondern die Entwicklung von Allianzen zwischen Gruppen durch den Austausch von Frauen zwecks Heirat. Diese Idee zeigt starke Anknüpfungspunkte an die Mauss’sche Idee der Reziprozität. Darüber hinaus sieht er im Weggeben von Schwestern/Töchtern den Beginn der Formierung von Gesellschaften. Basierend auf dieser Idee unterscheidet er zwischen Gesellschaften mit negativen (mit wem darf man keine Verbindung eingehen) und positiven (mit wem soll man eine Verbindung eingehen) Allianzregeln und Gesellschaften mit komplexen Systemen, d.h. nur negativen Heiratsregeln und individueller Partnerwahl, wodurch langfristige Allianzen unwahrscheinlich sind. Da aber in allen Kulturen ein schweres normatives Verbot der Heirat innerhalb der engeren Verwandtschaft besteht, erklärt er das Inzesttabu für universal. Einzig die Umsetzung variiert von Kultur zu Kultur (z.B. Kreuzcousinenheirat). In der Allianztheorie wird die Kernfamilie zweitrangig gegenüber der Bruder-Schwesterbeziehung. Letzten Endes kann man aber Phänomene im Bezug auf Verwandtschaft sowohl aus Sicht der Deszendenz wie auch der Allianz schlüssig erklären.
„La pensée sauvage“ (1962)
Das zweite große Werk von Lévi-Strauss ist eine Abhandlung der Logik des – nicht wie es der Titel vermuten lässt, des wilden, sondern des – menschlichen Geistes, des esprit humaine. Als Kritik an Lévy-Bruhls (1857-1939) Konzept der „prälogischen Mentalität der Primitiven“ in Abgrenzung zur „logischen Mentalität des modernen Menschen“, der auch den existentialistischen Philosophen und Literaten Jean-Paul Sartre beeinflusste, präzisierte Lévi-Strauss: Der Unterschied bestehe nur insofern, dass erstere Logik nur auf Gegensätze zwischen sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften konkreter Dinge Anwendung finde, z.B. Mann und Frau; zweitere auch auf abstrakte Gegensätze, z.B. Plus und Minus, dass aber in beiden Formen das Denken in „binären Gegensätzen“ erfolge, worin Lévi-Strauss die fundamentale Struktur des menschlichen Denkens erkannte.
„Les Mythologiques“ (1964-1971)
Ein weiterer Schwerpunkt seines Oeuvres gilt der Mythenanalyse (Mythologiques: Le cru et le cuit, 1964; Du miel aux cendres, 1966; L’origine des manières de table, 1968 ; L’homme nu, 1971) oder genauer gesagt der Logik des Mythos. Er verwendet hiefür v.a. übernommene Aufzeichnungen mehrerer hundert Süd- und Nordamerikanischer Erzählungen. Lévi-Strauss versucht durch Reduktion und Abstraktion auf die kleinsten Einheiten, aus denen sich Mythen zusammensetzten, er nennt sie Mytheme, das Grundthema zu erfassen und die unbewusst vermittelte Information begreiflich zu machen. Darin, sprich in jenen immer wiederkehrenden binären Gegensätzen wie nackt – bekleidet, roh – gekocht, Natur – Kultur, sieht Lévi-Strauss die Prinzipien der Gedankenbildung, weiters die universalen kognitiven Strukturen des esprit humaine. [4]
Das Ende der großen Erzählungen
Mit dem Anbruch der Postmoderne in den 70er Jahren beginnt auch die Zeit der kritischen Revision und Dekonstruktion vormals aufgestellter Universaltheorien sowie der postulierten „absoluten Vernunft“ an. Auch die Theorien Lévi-Strauss’ bleiben davon nicht verschont. Aus dieser Kritik, die sowohl Brüche als auch Kontinuitäten im Denken aufweißt, entwickelt sich in Frankreich die Strömung des Poststrukturalismus rund um Jacques Derrida. Bedeutende Einflüsse erhält die Anthropologie nach Lévi-Strauss v.a. von Pierre Bourdieu (1930-2002) und seiner Theorie der Praxis, die Alan Barnard so beschreibt: Bourdieus concern is to move away social sciences away from rules towards a theory of practice. Yet structure is still there, not so much a constrainting structure but an enabling structure, one of choice. [5] Weiters von Michel Foucault (1926-1984), Philosoph und Historiker, mit seiner Analyse der Verknüpfung von Macht und Wissen. Macht ist nach Foucault nichts besitzbares (vgl. Phrase „Im Besitz der Macht“) sondern einzig die Möglichkeit, ein System zu manipulieren. Die Beschäftigung mit dem Thema Macht ist seither Teil des Anthropologischen Auftrags, verstärkt seit dem Ende des Kalten Krieges mit der Herauskristallisation neuer globaler Machtkonstellationen.
Entsprechend dem Zeitgeist fällt auch der Beginn der feminist anthropology in die 70er Jahre, die Betrachtung der Denk-, Handlungs- und Wahrnehmungsmuster des „anderen, zweiten“ Geschlechts. [6]
Bewertung aus heutiger und persönlicher Sicht
Eine objektive Einschätzung der Leistungen Lévi-Strauss’ fällt schwer, zumal Teile seines Werkes aus heutiger Sicht widerlegt sind. So spricht die Kognitive Anthropologie heute eher von einem vernetzten/Netzwerkdenken als von binärem Denken. Feministische Strömungen haben (zurecht) ihre liebe Not mit der universalen Sichtweise der Frau als passives Tauschobjekt zwecks Heirat und Allianzbildung und haben dies auch empirisch widerlegt. Und ob sich gerade in den Mythen der beiden Amerikas die universale Logik des Menschen manifestiert und sich bereitwillig der Analyse mit der strukturalen Methode eröffnet, sei dahingestellt. Abschließend soll aber doch auf folgende Verdienste hingewiesen werden:
Essay zum Tutorium der Vorlesung „Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“(Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien):
Strukturalismus
Erläutere die zentralen Interessen des Strukturalismus Lévi-Strauss’scher Prägung. Wie ist die Bedeutung des strukturalistischen Ansatzes aus heutiger Sicht zu bewerten, auf welche Forschungsbereiche konzentrierten sich nachfolgende AnthropologInnen und warum?
Claude Lévi-Strauss
Das erste große Theoriengebäude, welches nach dem 2. Weltkrieg die Denkweise in der Anthropologie beeinflusste, war zweifellos der Strukturalismus. Und kaum eine andere Person prägte den Werdegang der v.a. französischsprachigen Geisteswissenschaften dieser Zeit stärker als Claude Lévi-Strauss.
Der 1908 in Brüssel geborene Lévi-Strauss studierte an der Pariser Sorbonne Recht und Philosophie, wovon er letzteres 1931 abschloss. Nach einigen Unterrichtsjahren in einem Lycèe folgte er einem Angebot der Universität von Sao Paulo, Brasilien, als Gastprofessor für Soziologie. In diese Zeit (1934-1939) fallen auch seine ersten Feldforschungen im Bundesstaat Mato Grosso und im Amazonasgebiet, wo er in einem Streifzug mehrere Indianische Gemeinschaften erforschte. 1939 kehrte er zur Ableistung des Militärdienstes nach Frankreich zurück, er floh aber bald nach der französischen Kapitulation aufgrund seiner jüdischen Abstammung über Martinique und Puerto Rico nach New York. Die weiteren fünf Kriegsjahre, d.h. die Zeit im New Yorker Exil sollte sich als prägend für seinen weiteren intellektuellen Werdegang herausstellen. In den Jahren 1940-1945 stand er in enger Verbindung mit den Mitgliedern der Prager Schule rund um Roman Jakobson (1896-1982) und deren Konzept der Strukturalen Linguistik. [1]
Strukturale Linguistik und Anthropologie
Ausgehend von einer Grundüberlegung des Genfer Linguisten Ferdinand de Saussure (1857-1913) fand der Strukturalismus Eingang in die Geistes- und Kulturwissenschaften, v.a. Literaturwissenschaft, Psychologie, Soziologie und Anthropologie. Als wichtigstes Beispiel zum Verständnis des Strukturalismus sei hier de Saussures Unterscheidung zwischen „parole“ und „langue“ angeführt. Während „parole“ sich auf den konkreten Sprechakt eines beliebigen Sprechers bezieht, beschreibt „langue“ die dem Sprechakt zugrunde liegende, generelle Struktur und Grammatik, die unabhängig vom Sprecher selbst – zwar nicht real aber doch – existiert. Analog dazu postulierte Lévi-Strauss (im Artikel „L’Analyse Structurale en lingustique et en anthropologie“ in der Zeitschrift „Word“, dem „Journal of the linguistic circle of New York“) die Analyse von kulturellen Manifestationen als Produkt der tieferen und unbewussten Strukturen des Denkens von Menschen als Teil einer Kultur sowie als Teil der gesamten Menschheit. Oder mit den Worten von Thomas Hylland Eriksen: “…the ultimate aim of his studies has been to reveal the principles fort he functioning of the mind. He would therefore regard, say kinship terminology not as a result of social organisation but in the last instance as the product of the universal structures of the mind.” [2]
Werk
Da selbst eine Aufzählung der Werke von Lévi-Strauss den Rahmen dieses Essays sprengen würde – Edmund Leach beziffert den Umfang mit elf Büchern und weit über hundert Aufsätzen [3] – möchte ich mich vorerst auf Lévi-Strauss’ Beitrag zur Verwandtschaftstheorie und zur Erforschung der kognitiven Strukturen konzentrieren.
„Les structures élémentaires de la parenté“ (1949)
Als Ausgangspunkt und konstitutiv für Verwandtschaft sieht Lévi-Strauss nicht die gemeinsame Abstammung sondern die Entwicklung von Allianzen zwischen Gruppen durch den Austausch von Frauen zwecks Heirat. Diese Idee zeigt starke Anknüpfungspunkte an die Mauss’sche Idee der Reziprozität. Darüber hinaus sieht er im Weggeben von Schwestern/Töchtern den Beginn der Formierung von Gesellschaften. Basierend auf dieser Idee unterscheidet er zwischen Gesellschaften mit negativen (mit wem darf man keine Verbindung eingehen) und positiven (mit wem soll man eine Verbindung eingehen) Allianzregeln und Gesellschaften mit komplexen Systemen, d.h. nur negativen Heiratsregeln und individueller Partnerwahl, wodurch langfristige Allianzen unwahrscheinlich sind. Da aber in allen Kulturen ein schweres normatives Verbot der Heirat innerhalb der engeren Verwandtschaft besteht, erklärt er das Inzesttabu für universal. Einzig die Umsetzung variiert von Kultur zu Kultur (z.B. Kreuzcousinenheirat). In der Allianztheorie wird die Kernfamilie zweitrangig gegenüber der Bruder-Schwesterbeziehung. Letzten Endes kann man aber Phänomene im Bezug auf Verwandtschaft sowohl aus Sicht der Deszendenz wie auch der Allianz schlüssig erklären.
„La pensée sauvage“ (1962)
Das zweite große Werk von Lévi-Strauss ist eine Abhandlung der Logik des – nicht wie es der Titel vermuten lässt, des wilden, sondern des – menschlichen Geistes, des esprit humaine. Als Kritik an Lévy-Bruhls (1857-1939) Konzept der „prälogischen Mentalität der Primitiven“ in Abgrenzung zur „logischen Mentalität des modernen Menschen“, der auch den existentialistischen Philosophen und Literaten Jean-Paul Sartre beeinflusste, präzisierte Lévi-Strauss: Der Unterschied bestehe nur insofern, dass erstere Logik nur auf Gegensätze zwischen sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften konkreter Dinge Anwendung finde, z.B. Mann und Frau; zweitere auch auf abstrakte Gegensätze, z.B. Plus und Minus, dass aber in beiden Formen das Denken in „binären Gegensätzen“ erfolge, worin Lévi-Strauss die fundamentale Struktur des menschlichen Denkens erkannte.
„Les Mythologiques“ (1964-1971)
Ein weiterer Schwerpunkt seines Oeuvres gilt der Mythenanalyse (Mythologiques: Le cru et le cuit, 1964; Du miel aux cendres, 1966; L’origine des manières de table, 1968 ; L’homme nu, 1971) oder genauer gesagt der Logik des Mythos. Er verwendet hiefür v.a. übernommene Aufzeichnungen mehrerer hundert Süd- und Nordamerikanischer Erzählungen. Lévi-Strauss versucht durch Reduktion und Abstraktion auf die kleinsten Einheiten, aus denen sich Mythen zusammensetzten, er nennt sie Mytheme, das Grundthema zu erfassen und die unbewusst vermittelte Information begreiflich zu machen. Darin, sprich in jenen immer wiederkehrenden binären Gegensätzen wie nackt – bekleidet, roh – gekocht, Natur – Kultur, sieht Lévi-Strauss die Prinzipien der Gedankenbildung, weiters die universalen kognitiven Strukturen des esprit humaine. [4]
Das Ende der großen Erzählungen
Mit dem Anbruch der Postmoderne in den 70er Jahren beginnt auch die Zeit der kritischen Revision und Dekonstruktion vormals aufgestellter Universaltheorien sowie der postulierten „absoluten Vernunft“ an. Auch die Theorien Lévi-Strauss’ bleiben davon nicht verschont. Aus dieser Kritik, die sowohl Brüche als auch Kontinuitäten im Denken aufweißt, entwickelt sich in Frankreich die Strömung des Poststrukturalismus rund um Jacques Derrida. Bedeutende Einflüsse erhält die Anthropologie nach Lévi-Strauss v.a. von Pierre Bourdieu (1930-2002) und seiner Theorie der Praxis, die Alan Barnard so beschreibt: Bourdieus concern is to move away social sciences away from rules towards a theory of practice. Yet structure is still there, not so much a constrainting structure but an enabling structure, one of choice. [5] Weiters von Michel Foucault (1926-1984), Philosoph und Historiker, mit seiner Analyse der Verknüpfung von Macht und Wissen. Macht ist nach Foucault nichts besitzbares (vgl. Phrase „Im Besitz der Macht“) sondern einzig die Möglichkeit, ein System zu manipulieren. Die Beschäftigung mit dem Thema Macht ist seither Teil des Anthropologischen Auftrags, verstärkt seit dem Ende des Kalten Krieges mit der Herauskristallisation neuer globaler Machtkonstellationen.
Entsprechend dem Zeitgeist fällt auch der Beginn der feminist anthropology in die 70er Jahre, die Betrachtung der Denk-, Handlungs- und Wahrnehmungsmuster des „anderen, zweiten“ Geschlechts. [6]
Bewertung aus heutiger und persönlicher Sicht
Eine objektive Einschätzung der Leistungen Lévi-Strauss’ fällt schwer, zumal Teile seines Werkes aus heutiger Sicht widerlegt sind. So spricht die Kognitive Anthropologie heute eher von einem vernetzten/Netzwerkdenken als von binärem Denken. Feministische Strömungen haben (zurecht) ihre liebe Not mit der universalen Sichtweise der Frau als passives Tauschobjekt zwecks Heirat und Allianzbildung und haben dies auch empirisch widerlegt. Und ob sich gerade in den Mythen der beiden Amerikas die universale Logik des Menschen manifestiert und sich bereitwillig der Analyse mit der strukturalen Methode eröffnet, sei dahingestellt. Abschließend soll aber doch auf folgende Verdienste hingewiesen werden:
- Lévi-Strauss erschloss einen neuen Zugang zum Verständnis von verwandtschaftlicher Organisation
- Lévi-Strauss machte anthropologische Fragestellungen durch seinen (autobiographischen) Roman „Tristes Tropiques“ einer breiten Öffentlichkeit, über die akademischen Grenzen hinaus, zugänglich
- Keine Theorie vergeht mit ihrem geistigen Schöpfer, sondern wird meist in abgewandelter Form in neue theoretische Trends integriert.
In diesem Sinne kann auch beinahe ein halbes Jahrhundert nach der Blüte der französischen Denkschule des Strukturalismus eine Beschäftigung mit dieser lohnenswert und hilfreich zum Verständnis des Wandels und Werdegangs der Anthropologie sein.
