Geschichte der KSA - ein Essay

Friday, January 13, 2006

Zweiter Essay

Andreas Rechberger

Essay zum Tutorium der Vorlesung „Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“(Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien):

Strukturalismus
Erläutere die zentralen Interessen des Strukturalismus Lévi-Strauss’scher Prägung. Wie ist die Bedeutung des strukturalistischen Ansatzes aus heutiger Sicht zu bewerten, auf welche Forschungsbereiche konzentrierten sich nachfolgende AnthropologInnen und warum?

Claude Lévi-Strauss

Das erste große Theoriengebäude, welches nach dem 2. Weltkrieg die Denkweise in der Anthropologie beeinflusste, war zweifellos der Strukturalismus. Und kaum eine andere Person prägte den Werdegang der v.a. französischsprachigen Geisteswissenschaften dieser Zeit stärker als Claude Lévi-Strauss.
Der 1908 in Brüssel geborene Lévi-Strauss studierte an der Pariser Sorbonne Recht und Philosophie, wovon er letzteres 1931 abschloss. Nach einigen Unterrichtsjahren in einem Lycèe folgte er einem Angebot der Universität von Sao Paulo, Brasilien, als Gastprofessor für Soziologie. In diese Zeit (1934-1939) fallen auch seine ersten Feldforschungen im Bundesstaat Mato Grosso und im Amazonasgebiet, wo er in einem Streifzug mehrere Indianische Gemeinschaften erforschte. 1939 kehrte er zur Ableistung des Militärdienstes nach Frankreich zurück, er floh aber bald nach der französischen Kapitulation aufgrund seiner jüdischen Abstammung über Martinique und Puerto Rico nach New York. Die weiteren fünf Kriegsjahre, d.h. die Zeit im New Yorker Exil sollte sich als prägend für seinen weiteren intellektuellen Werdegang herausstellen. In den Jahren 1940-1945 stand er in enger Verbindung mit den Mitgliedern der Prager Schule rund um Roman Jakobson (1896-1982) und deren Konzept der Strukturalen Linguistik. [1]

Strukturale Linguistik und Anthropologie

Ausgehend von einer Grundüberlegung des Genfer Linguisten Ferdinand de Saussure (1857-1913) fand der Strukturalismus Eingang in die Geistes- und Kulturwissenschaften, v.a. Literaturwissenschaft, Psychologie, Soziologie und Anthropologie. Als wichtigstes Beispiel zum Verständnis des Strukturalismus sei hier de Saussures Unterscheidung zwischen „parole“ und „langue“ angeführt. Während „parole“ sich auf den konkreten Sprechakt eines beliebigen Sprechers bezieht, beschreibt „langue“ die dem Sprechakt zugrunde liegende, generelle Struktur und Grammatik, die unabhängig vom Sprecher selbst – zwar nicht real aber doch – existiert. Analog dazu postulierte Lévi-Strauss (im Artikel „L’Analyse Structurale en lingustique et en anthropologie“ in der Zeitschrift „Word“, dem „Journal of the linguistic circle of New York“) die Analyse von kulturellen Manifestationen als Produkt der tieferen und unbewussten Strukturen des Denkens von Menschen als Teil einer Kultur sowie als Teil der gesamten Menschheit. Oder mit den Worten von Thomas Hylland Eriksen: “…the ultimate aim of his studies has been to reveal the principles fort he functioning of the mind. He would therefore regard, say kinship terminology not as a result of social organisation but in the last instance as the product of the universal structures of the mind.” [2]

Werk

Da selbst eine Aufzählung der Werke von Lévi-Strauss den Rahmen dieses Essays sprengen würde – Edmund Leach beziffert den Umfang mit elf Büchern und weit über hundert Aufsätzen [3] – möchte ich mich vorerst auf Lévi-Strauss’ Beitrag zur Verwandtschaftstheorie und zur Erforschung der kognitiven Strukturen konzentrieren.


„Les structures élémentaires de la parenté“ (1949)

Als Ausgangspunkt und konstitutiv für Verwandtschaft sieht Lévi-Strauss nicht die gemeinsame Abstammung sondern die Entwicklung von Allianzen zwischen Gruppen durch den Austausch von Frauen zwecks Heirat. Diese Idee zeigt starke Anknüpfungspunkte an die Mauss’sche Idee der Reziprozität. Darüber hinaus sieht er im Weggeben von Schwestern/Töchtern den Beginn der Formierung von Gesellschaften. Basierend auf dieser Idee unterscheidet er zwischen Gesellschaften mit negativen (mit wem darf man keine Verbindung eingehen) und positiven (mit wem soll man eine Verbindung eingehen) Allianzregeln und Gesellschaften mit komplexen Systemen, d.h. nur negativen Heiratsregeln und individueller Partnerwahl, wodurch langfristige Allianzen unwahrscheinlich sind. Da aber in allen Kulturen ein schweres normatives Verbot der Heirat innerhalb der engeren Verwandtschaft besteht, erklärt er das Inzesttabu für universal. Einzig die Umsetzung variiert von Kultur zu Kultur (z.B. Kreuzcousinenheirat). In der Allianztheorie wird die Kernfamilie zweitrangig gegenüber der Bruder-Schwesterbeziehung. Letzten Endes kann man aber Phänomene im Bezug auf Verwandtschaft sowohl aus Sicht der Deszendenz wie auch der Allianz schlüssig erklären.


„La pensée sauvage“ (1962)

Das zweite große Werk von Lévi-Strauss ist eine Abhandlung der Logik des – nicht wie es der Titel vermuten lässt, des wilden, sondern des – menschlichen Geistes, des esprit humaine. Als Kritik an Lévy-Bruhls (1857-1939) Konzept der „prälogischen Mentalität der Primitiven“ in Abgrenzung zur „logischen Mentalität des modernen Menschen“, der auch den existentialistischen Philosophen und Literaten Jean-Paul Sartre beeinflusste, präzisierte Lévi-Strauss: Der Unterschied bestehe nur insofern, dass erstere Logik nur auf Gegensätze zwischen sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften konkreter Dinge Anwendung finde, z.B. Mann und Frau; zweitere auch auf abstrakte Gegensätze, z.B. Plus und Minus, dass aber in beiden Formen das Denken in „binären Gegensätzen“ erfolge, worin Lévi-Strauss die fundamentale Struktur des menschlichen Denkens erkannte.


„Les Mythologiques“ (1964-1971)

Ein weiterer Schwerpunkt seines Oeuvres gilt der Mythenanalyse (Mythologiques: Le cru et le cuit, 1964; Du miel aux cendres, 1966; L’origine des manières de table, 1968 ; L’homme nu, 1971) oder genauer gesagt der Logik des Mythos. Er verwendet hiefür v.a. übernommene Aufzeichnungen mehrerer hundert Süd- und Nordamerikanischer Erzählungen. Lévi-Strauss versucht durch Reduktion und Abstraktion auf die kleinsten Einheiten, aus denen sich Mythen zusammensetzten, er nennt sie Mytheme, das Grundthema zu erfassen und die unbewusst vermittelte Information begreiflich zu machen. Darin, sprich in jenen immer wiederkehrenden binären Gegensätzen wie nackt – bekleidet, roh – gekocht, Natur – Kultur, sieht Lévi-Strauss die Prinzipien der Gedankenbildung, weiters die universalen kognitiven Strukturen des esprit humaine. [4]


Das Ende der großen Erzählungen

Mit dem Anbruch der Postmoderne in den 70er Jahren beginnt auch die Zeit der kritischen Revision und Dekonstruktion vormals aufgestellter Universaltheorien sowie der postulierten „absoluten Vernunft“ an. Auch die Theorien Lévi-Strauss’ bleiben davon nicht verschont. Aus dieser Kritik, die sowohl Brüche als auch Kontinuitäten im Denken aufweißt, entwickelt sich in Frankreich die Strömung des Poststrukturalismus rund um Jacques Derrida. Bedeutende Einflüsse erhält die Anthropologie nach Lévi-Strauss v.a. von Pierre Bourdieu (1930-2002) und seiner Theorie der Praxis, die Alan Barnard so beschreibt: Bourdieus concern is to move away social sciences away from rules towards a theory of practice. Yet structure is still there, not so much a constrainting structure but an enabling structure, one of choice. [5] Weiters von Michel Foucault (1926-1984), Philosoph und Historiker, mit seiner Analyse der Verknüpfung von Macht und Wissen. Macht ist nach Foucault nichts besitzbares (vgl. Phrase „Im Besitz der Macht“) sondern einzig die Möglichkeit, ein System zu manipulieren. Die Beschäftigung mit dem Thema Macht ist seither Teil des Anthropologischen Auftrags, verstärkt seit dem Ende des Kalten Krieges mit der Herauskristallisation neuer globaler Machtkonstellationen.
Entsprechend dem Zeitgeist fällt auch der Beginn der feminist anthropology in die 70er Jahre, die Betrachtung der Denk-, Handlungs- und Wahrnehmungsmuster des „anderen, zweiten“ Geschlechts. [6]


Bewertung aus heutiger und persönlicher Sicht

Eine objektive Einschätzung der Leistungen Lévi-Strauss’ fällt schwer, zumal Teile seines Werkes aus heutiger Sicht widerlegt sind. So spricht die Kognitive Anthropologie heute eher von einem vernetzten/Netzwerkdenken als von binärem Denken. Feministische Strömungen haben (zurecht) ihre liebe Not mit der universalen Sichtweise der Frau als passives Tauschobjekt zwecks Heirat und Allianzbildung und haben dies auch empirisch widerlegt. Und ob sich gerade in den Mythen der beiden Amerikas die universale Logik des Menschen manifestiert und sich bereitwillig der Analyse mit der strukturalen Methode eröffnet, sei dahingestellt. Abschließend soll aber doch auf folgende Verdienste hingewiesen werden:
  • Lévi-Strauss erschloss einen neuen Zugang zum Verständnis von verwandtschaftlicher Organisation
  • Lévi-Strauss machte anthropologische Fragestellungen durch seinen (autobiographischen) Roman „Tristes Tropiques“ einer breiten Öffentlichkeit, über die akademischen Grenzen hinaus, zugänglich
  • Keine Theorie vergeht mit ihrem geistigen Schöpfer, sondern wird meist in abgewandelter Form in neue theoretische Trends integriert.

In diesem Sinne kann auch beinahe ein halbes Jahrhundert nach der Blüte der französischen Denkschule des Strukturalismus eine Beschäftigung mit dieser lohnenswert und hilfreich zum Verständnis des Wandels und Werdegangs der Anthropologie sein.

Quellenangaben

Quellen

[1] Leach, Edmund Ronald: Claude Lévi-Strauss zur Einführung. Aus dem Engl. von Lutz-W. Wolff, 2. Aufl. - Junius, Hamburg 1998, p 11, 12

[2] Eriksen, Thomas Hylland: Small places, large issues. An introduction to social and cultural anthropology, 2. Ed. - Pluto, London 2001.

[3] Leach, ebenda, p 10

[4] Leach, ebenda, pp 60

[5] Barnard, Alan: History and theory in anthropology, Cambridge Univ. Press, Cambridge 2000, p 143

[6] Barnard, ebenda, pp 139

Friday, November 25, 2005

Erster Essay

Andreas Rechberger

Essay zum Tutorium der Vorlesung „Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“(Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien):

Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20. Jahrhunderts? Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?

1.) Einleitung

Émile Durkheim wurde 1858 als Sohn eines jüdischen Rabbiners in Épinal (Lothringen) geboren. Nach seiner Abwendung vom jüdischen Glauben in seiner Jugend studierte er Philosophie an der École Normale Superieur. Anschließend an einen sechsmonatigen Studienaufenthalt im Deutschen Reich 1885/86 lehrte Durkheim ab 1887 an der Universität von Bordeaux Sozialwissenschaft und Pädagogik. 1889 gründete er „L’Année Sociologique“, ein interdisziplinäres Journal, das durch bedeutende Publikationen zum Sprachrohr der Durkheimschen Denkschule werden sollte. 1902 ereilte ihn der Ruf der Sorbonne in Paris, der er als Professor für Pädagogik und Soziologie, sowie Erziehungswissenschaft angehörte. Erschüttert durch den Tod sowohl seines Sohnes André als auch seiner fähigsten wissenschaftlichen Mitstreiter und potentiellen Nachfolger auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges starb Émile Durkheim 1917 an den Folgen eines Schlaganfalles.


2.) Bedeutende Werke

Während seiner Lehrtätigkeit in Bordeaux schuf Durkheim auf Basis von Texten über indigene Amerikaner, jüdische Stämme (Altes Testament) und das alte Ägypten sein viel beachtetes und wohl gerade deswegen viel kritisiertes Werk „De la division du travail sociale“(1893). Hauptanliegen ist die Beantwortung der Frage, die sich Durkheim im Vorwort selbst stellt: „This work had its origins in the question of the relations of the individual to social solidarity. Why does the individual while becoming more autonomous, depend more upon society? How can he be at once more individual and more solidarity?” Durkheim meint, die Antwort liegt in “ … a transformation of social solidarity due to the steadily growing development of the division of labour.” [3]
Diese Transformation beschreibt er als eine Verschiebung von Mechanischer zu Organischer Solidarität durch die Industrialisierung.
Erstere hat als Solidarität stiftenden Faktor eine Religion. Gesetze sind in erster Linie religiöse Gesetze. Strenge Bestrafung ist die Folge von Vergehen gegen diese Gesetze wegen Verstoßes gegen das „conscience collective“ (Kollektive Werte, Ideale einer Gesellschaft) und infolge dessen Bedrohung des sozialen Zusammenhalts. Diese Art der Solidarität ist in vorindustrialisierten Gesellschaften vorherrschend.
Letztere schafft Solidarität aufgrund der Gegenseitigkeit und gegenseitigen Abhängigkeit der spezialisierten Funktionen, die Mitglieder der industrialisierten Gesellschaften übernehmen. Er schränkt aber ein, dass zu seiner Zeit die Entwicklung in Richtung organischer Solidarität als abnormal bezeichnet werden kann aufgrund fehlender oder geringer sozialer Ordnung, konkret aufgrund der ungleichen Verteilung von Gütern und Macht zwischen Personen und Gruppen. Dies bezeichnet er mit dem Terminus „Anomie“.

Les règles de la méthode sociologique“(1895) kann als ein Manifest für den Grund von wissenschaftlichen soziologischen Analysen bezeichnet werden. Durkheim formuliert die Hauptanliegen der Sozialforschung und distanziert sich von unwissenschaftlichen bzw. nicht belegbaren Konzepten und Theorien seiner Vorgänger.
Er schreibt in den „règles“ die Basis seines Umgangs mit gesellschaftlichen Tatsachen nieder, die er schon in „De la division du travail sociale“ angewendet hat, nämlich soziale Fakten als real, als Tatsachen aufzufassen: „The first and most fundamental rule is: Consider social facts as things“ Und er fügt hinzu: „To treat phenomena as things is to treat them as data, and these constitute the point of departure of science.” [4]
Er relativiert die Begriffe Normal/Abnormal und Pathologisch, indem er soziale Fakten nur in den jeweiligen sozialen Kontext eingebettet beurteilt.
In diesem Werk wendet er sich auch an mehreren Stellen vom Evolutionismus ab: „If all the principal causes of social events were in the past, each society would no longer be anything but the prolongation of its predecessor, and the different societies would lose their individuality and would become only diverse moments of one and the same evolution.” [4]

Im Anschluss an „Les règles de la méthode sociologique“ (1895) wendet er seine theoretischen Überlegungen bei der praktischen Untersuchung des sozialen Phänomens des Selbstmordes/der Selbsttötung an, dessen Ergebnisse in „Le Suicide“( 1897) veröffentlicht werden. „Le Suicide“ legte somit den Grundstein für die empirische Tradition der Anthropologie.
Durch die relative Konstanz von Selbstmordraten über zeitliche und geographische Verteilung hinaus erklärt er den Suizid zu einem sozialen Faktum und interpretiert ihn nach sozialwissenschaftlichen Gesichtspunkten, was durch den Untertitel „Étude de sociologie“ ausgedrückt wird. Er distanziert sich damit von Erklärungen auf rein psychologischer Basis oder aufgrund von mentalen Ursachen. Auf der Grundlage von Statistiken der Selbstmordraten verschiedener katholischer und protestantischer Länder führt Durkheim die Unterschiede, nämlich geringere Raten unter der katholischen Bevölkerung, auf die strengere soziale Kontrolle unter Katholiken zurück. Durkheim war allerdings bewusst, dass seine Quellen und Statistiken zum Teil verfälscht und Selbstmorde oft als Unfälle kategorisierten worden sind.
Durkheim erstellte ein neuartiges Konzept, das den Selbstmord als den Effekt von unausgeglichenen sozialen Strukturen oder Kräften beschreibt. Seine Kategorisierung fußt auf vier zentralen Begriffen[1]:
Egoistischer Selbstmord: Bei zu wenig Einbindung in soziale und kollektive Strukturen
Altruistischer Selbstmord: Als Kontrapunkt zum Egoistischen Selbstmord, bei zu viel Einbindung
„Anomischer“ („anomic“) Selbstmord: Aufgrund von Anomie, der Unausgeglichenheit der Mittel („means“) und des Bedarfs („needs“), und fehlender sozialer Ordnung
„Fatalistischer“ („fatalistic“) Selbstmord: Als Kontrapunkt zum Anomischen Selbstmord. Diesem Punkt widmet er nur eine Fußnote

Der Artikel "Classification Primitive" erschien 1903 in "L' Année Sociologique". Durkheim, der Co-Autor war, postulierte, dass das Denken in Kategorien gesellschaftlich determiniert sei. Man kann den Artikel als Vorarbeit zum folgendem Werk betrachten:
Les formes élémentaires de la vie religieuse“ (1912) war das letzte große Werk, das Durkheim zu Lebzeiten publizierte. Er untersuchte darin die totemistische Religion australischer Aborigines, einer Klangesellschaft. Für Durkheim repräsentierte der Totemismus die elementarste Form von Religion und sozialer Organisation.
Durkheim sah in Religion und Ritualen ein soziales Faktum, das auch als solches behandelt werden und in Zusammenhang mit anderen gesellschaftlichen Gegebenheiten gesehen werden konnte. Er wandte sich wiederum gegen allzu individualistische und psychologische Erklärungen des Religiösen. Diese sahen den Ursprung religiösen Denkens im Staunen, in den Neugier und der Furcht der Menschen vor der Unerklärbarkeit der wahrgenommenen Welt.
Religion ermöglicht die Unterscheidung zwischen dem Profanen und dem Sakralen, wovon letzteres in den Aufgabenbereich der Religion fällt. Religion bringt die Werte einer Gesellschaft zum Ausdruck und durch Rituale, auf welche er gegen Ende des Werkes eingeht, werden diese Werte und Normen, die er als „collective representations“ bezeichnete, auf das Individuum als Mitglied dieser Gesellschaft übermittelt. Dies geschieht durch Abstraktion der Werte auf eine symbolische Ebene. Anders formuliert, Verehrung einer religiösen Autorität wie die eines Gottes oder eines Totem(tiere)s in Ritualen ist die hinter Symbolen und Mythen versteckte Selbstverehrung einer Gesellschaft zur Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung.

3.) Neuerungen und Einfluss

Kaum eine andere Persönlichkeit prägte den Werdegang der noch jungen Sozialwissenschaften stärker als Émile Durkheim. Durch seine Abwendung vom Evolutionismus seines Vorgängers Auguste Comte (1798-1857) setzte er den Schwerpunkt der Disziplin auf eine gegenwartsbezogene Analyse gesellschaftlicher Tatbestände, die die Wissenschaftlichkeit ihrer Erkenntnisse durch empirische Daten belegen kann. Damit war er Wegbereiter der vorherrschenden Strömungen der Anthropologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, des französischen Strukturalismus und des britischen Funktionalismus.
Er wandte sich des Weiteren gegen utilitaristische Strömungen eines Herbert Spencer (1820-1903) und dessen Überbetonung des Individuums gegenüber der Gesellschaft. Gesellschaft war laut Durkheim mehr als die Summe der ihr angehörenden Individuen. Soziologie konnte somit nicht auf Psychologie reduziert werden wie auch soziale Tatsachen nicht durch die Methoden der Psychologie erklärt werden konnten. Damit steckte er das Feld der Sozialwissenschaft konkret ab, definierte seine Möglichkeiten und förderte deren Etablierung als wissenschaftliche Disziplin.
Besonders als seine Nachfolger hervorzuheben sind im französischsprachigen Raum Lucien Lévy-Bruhl (1857-1939), Durkheims Schüler Marcel Granet (1884-1940) in dessen Studien zu China, Maurice Halbwachs (1877-1945), Marcel Griaule (1898–1956) und vor allem Durkheims Neffe und Schüler Marcel Mauss (1872-1950). Letzterer prägte als Lehrer den Vertreter des Strukturalismus schlechthin, nämlich Claude Lévi-Strauss (*1908). Nicht unumstritten ist allerdings Durkheims Umgang mit dem belgischen Anthropologen Arnold Van Gennep (1873- 1957), dessen Aufnahme in den wissenschaftlichen Kreis und die Anerkennung seiner Erkenntnisse er stets zu verhindern versuchte.
Durch die relative institutionelle Schwäche in Frankreich hatte Durkheims Werk zu Beginn in erster Linie Einfluss auf die britische Sozialanthropologie, hier besonders auf Alfred R. Radcliffe-Brown (1881-1955). Dieser war es auch, der Durkheims Gedanken nach Amerika « exportierte », als er von 1931-1937 an der Universität von Chicago lehrte.

Zusammenfassend ist es das Verdienst Durkheims, die Anthropologie auf die Untersuchung sozialer Fakten in der Gegenwart und deren Belegung durch empirische Tatsachen auszurichten. Dies sicherte akademische Glaubwürdigkeit und prägt bis heute die Grundzüge dieser wissenschaftlichen Disziplin.

Quellenangabe

[1] Thompson, Ken: Émile Durkheim – Rev.ed. – . London. Routledge. 2002

[2] Parkin, Robert: The French Speaking Countries, in: Barth, Frederic, u.a.:One
Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology.
Chicago. 2005

[3] Emile Durkheim, The Division of Labour in Society. trs. George Simpson. New York.
Free Press paperback edition. 1964; p.37

[4] Emile Durkheim, The Rules of Sociological Method. trs S.A. Solovay (et.al.).
Chicago. University of Chicago Press. 1938; p.14, p.27.

[5] http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89mile_Durkheim; 20. 11. 2005

[6] http://www.kfunigraz.ac.at/sozwww/agsoe/lexikon/klassiker/durkheim/12bio.htm
20.11.2005

Friday, October 28, 2005

Also erst mal

Hallo!

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